Predigt von Bischof Scheuer zum Eröffnungsgottesdienst am 10. September 2018

… weil du all das den Weisen und Klugen, den Unmündigen aber offenbart hast (Mt 11,25) Das Christentum hat nicht als Religion der Gebildeten begonnen, es hat von Anfang an einen ausgesprochen anti-elitären (auch anti-bildungselitären) Zug. Es preist viel eher die Einfachen und Ungebildeten. Ein zusätzlicher neutestamentlicher Beleg dafür ist das erste Kapitel des Ersten Korintherbriefs: „Schaut doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen“ (1 Kor 1,26f.). Paulus hat mit seinen Aussagen im Lauf der Kirchen- und Christentumsgeschichte immer wieder Nachfolger gefunden. Tatsächlich ist nach christlichem Verständnis Glaube nicht von einem bestimmten Bildungsstand oder Bildungsgrad abhängig, weder im Sinn theologischer Bildung noch von allgemeiner Bildung. Jeder theologisch oder auch sonst hochgebildete Christenmensch muss sich gelegentlich vom Glauben „einfacher“ Menschen beschämen lassen, die ohne viel Umschweife helfen, wo Not am Mann ist und deren Gottvertrauen ohne differenziertes kulturelles Wissen oder theologisches Reflexionsvermögen auskommt.
Das Christentum war von Anfang an Bildungsreligion. Es hat nach Aussage von Historikern in der Spätantike zum einen auf Grund seiner sozialen Diakonie den Kampf der Religionen gewonnen, zum anderen, weil es möglich war, den Glauben auf einfache Formeln zu bringen. Dazu kommt aber als drittes Moment, dass sich das Christentum seit dem zweiten Jahrhundert mit der zeitgenössischen intellektuellen Szene auseinandergesetzt hat, und zwar in Anknüpfung an das philosophische Denken, und nicht an die Götterkulte. Seine Botschaft war inhaltlich bestimmt. Wenn ich Jesus Christus als wahren Menschen und wahren Gott verkünde, bin ich gezwungen, inhaltlich zu denken und die „fides quae“ zu reflektieren, über die bloße „fides qua“ hinauszugehen. Es ist wichtig, den Glauben an einen nicht selbstbezogenen, nicht egoistischen und auch nicht willkürlichen Gott ins Zentrum zu rücken: „Wenn auch andere Völker ihren Weg gehen und jedes den Namen seines Gottes anruft, so gehen wir unseren Weg im Namen des Dreifaltigen Gottes.“ (vgl. Mi 4,5) – Glaube, Hoffnung und Liebe entstehen nicht automatisch und schon gar nicht zwangsläufig aus Bildungsprozessen. Aber sie verlangen nicht den Verzicht auf solche Prozesse, sondern können von ihnen durchaus profitieren¹.
Kluge Zeitbeobachter – wie jüngst Peter Sloterdijk in seinem Buch über die „schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – kommen bei ihren Analysen zum Schluss, wir würden unser eigenes Leben mehr oder weniger zerstören, weil wir die Beziehung zu unseren Wurzeln, zu den Grundelementen unserer Identität abschneiden, weil jeder meint, sich individuell neu erfinden zu müssen. Dagegen fordert Bildung, sich intensiv mit dem auseinanderzusetzen, was mich prägt, mich kulturell sozialisiert hat. Die andere unverzichtbare Grunddimension von Bildung ist allerdings Zeitgenossenschaft, der Austausch mit meinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Wenn ich viel über meine geschichtlichen Prägungen weiß, aber sozusagen in einem Turm ohne Fenster sitze, bin ich nicht wirklich gebildet. Diese beiden Dimensionen von Bildung befruchten sich gegenseitig, unabhängig davon, wie ihr Miteinander strukturiert ist, bei jedem von uns sicher in unterschiedlicher Mischung.
Bei Bildung geht es wesentlich und Orientierungswissen und um Sinnfindung. Der Glaube fragt nach einem letzten Sinn und Ziel unseres Lebens, ein Sinn und Ziel, das nicht ins Leere geht, nicht in der Absurdität des Alltags endet, sondern die Treue zur Erde und die Hoffnung auf Glück miteinander verbindet und versöhnt. Orientierungswissen, das Sinn erschließt, hat einen Wahrheits-, Freiheits- und Heilsbezug. Kirchliche Bildungsarbeit hat ein Bildungsverständnis, das von Jesus, dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes und von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen geprägt ist.

Arbeit am Fundament

Die Dankbarkeit und Freude über das Wirken Gottes an uns ist für Ignatius von Loyola das Fundament von Berufung. Universalität ist eine Grundstruktur der ignatianischen Gotteserfahrung (Gott finden in allen Dingen) wie auch des ignatianischen Dienstes (alles zur größeren Ehre Gottes). In der Betrachtung zur Erlangung der Liebe kommt diese Berufung zur Universalität zum Ausdruck: Gott zu sehen in seiner Tätigkeit als Schöpfer, in seiner Gegenwart in allem und in seinem mühevollen Einsatz für die Welt, die auffordern zu einer Antwort, die das ganze Leben einfordert.² Dankbarkeit befreit von dem zwanghaften und verfehlten Bemühen, Berufung, selbst „machen“ zu wollen. In ihr wird das Fundament deutlich, das Fundament einer Liebe, die sich aus der Erfahrung der unendlichen Liebe Gottes bedingungslos diesem übergibt und ihm dienen will.
Die Gesellschaft schuldet der Jugend ein gutes Lebensfundament und einen guten Start ins Leben. Ein gutes Lebensfundament sind Selbstwissen, Selbstachtung und Selbstvertrauen. Junge Menschen müssen wissen, wer sie sind, was sie wollen, was sie können, wenn sie im Leben einen guten Weg gehen möchten. Der gute Start ins Leben hat mit offenen Türen und echten Gelegenheiten zu tun. Kurz, die Gesellschaft schuldet den jungen Menschen die Möglichkeit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und an einer Existenz zu bauen. „Eine ‚Mindest-Utopie’ müsse man verwirklichen – das ist ein Ausdruck, der verdiente, in unser Vokabular aufgenommen zu werden, nicht als Besitz, sondern als Stachel. Die Definition dieser Mindest-Utopie: ‚Nicht im Stich zu lassen. Sich nicht und andere nicht. Und nicht im Stich gelassen zu werden.’“ (Hilde Domin, Aber die Hoffnung)
Junge brauchen zu einem erfüllten Leben eine Lebensrichtung, eine Lebenstiefe, Lebenskraft, ein „Warum“ im Leben. Und sie brauchen einen Lebensplatz. Es ist eine Verankerung im Leben mit wichtigen Bezugspersonen, mit wichtigen Tätigkeiten, mit dem Wissen um Zugehörigkeit. Junge Menschen brauchen Anerkennung durch Gruppe von Gleichgestellten, Anerkennung durch Begleiterinnen und Begleiter, Anerkennung durch Gruppen, denen sie angehören, Anerkennung durch erbrachte Leistung. Freunde gehören nach wie vor zu den wichtigsten Prioritäten von jungen Menschen: Freundschaft mit Menschen, Freundschaft mit Gott, Erfahrungen von Güte.
Begleitung möge durch Menschen erfolgen, die nicht nur an sich selbst und der eigenen Autonomie in erster Linie interessiert sind, sondern „generative Menschen“ sind, also Menschen, die selbst auf festem Grund stehen, Vertrauen vermitteln und Freude am Blühen anderer haben. Generativen Menschen geht es nicht nur um die eigene Selbstbehauptung. Ihre Energien, ihre Zeit sind nicht durch die eigenen Interessen besetzt. Ohne generative, schöpferische Fürsorge und Verantwortung für andere, verarmt das Leben, es stagniert. Keine Generation fängt beim Nullpunkt an und jede Generation gibt an kommende Generationen etwas weiter. Was hinterlässt die gegenwärtige Generation der zukünftigen: einen Schuldenberg, verbrannte Erde, einen Scherbenhaufen? Oder können wir ein Wort von Hilde Domin anwenden: „Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her.“³?

Segen

Segnen, d.h. die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst in allem und trotz allem Gott. Einen Menschen segnen, d.h. ihn gutheißen, ihn bejahen, für ihn sorgen. Segen ist die „Inanspruchnahme des irdischen Lebens für Gott.“ (Dietrich Bonhoeffer) Der Segen hat eine gemeinschaftsbildende Kraft in Situationen des Übergangs und des Abschieds. Dem Tod zum Trotz stiftet er vielmehr Trost und Lebenskraft. Der Segen Jesu überwindet den Fluch, er überwindet die Spirale er Gehässigkeit, der Gewalt, der Lüge und der Banalität.

1) Ulrich Ruh, Christentum als Bildungsreligion, in: HK 62 (5/2008), 217-219.
2) Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Urtext übersetzt von Peter Knauer, Würzburg 1998, 230-237. Vgl. dazu Toni Witwer, Die Gnade der Berufung. Allgemeine und besondere Berufung bei Hieronymus Nadal am Beispiel der Gesellschaft Jesu (StssTh 13), Würzburg 1995, 147.282.
3) Hilde Domin, Sämtliche Gedichte; hg. Nikola Herweg und Melanie Reinhold, Frankfurt am Main, 2009.

2018-09-30T20:28:04+00:00 24. September 2018|